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Schlagende Securitrans Bahnhof

Schlagende Securitrans Bahnhof

Inhalt:
1. Medienbericht
2. Prügler wird entlassen

1. Medienbericht (Originalquelle: http://ch.indymedia.org/de/2005/04/31389.shtml)
Schlagende Sicherheit
Die Mitarbeiter der Securitrans sollten im Bahnhof Bern für Ordnung sorgen – manchmal gehen sie dabei laut Augenzeugen zu weit
Die halbprivaten Objektschützer der Securitrans haben nicht die gleiche Ausbildung und die gleichen Rechte wie Polizeibeamte. Vielleicht gerade deshalb fassen sie die Leute teils härter an, als sie dürften – wenn niemand hinschaut.

Christian von Burg
Michael Kurrle ist drogenabhängig. Seit zwei Jahren lebt der 32-jährige Berner auf der Gasse. Häufig ist er in der Bahnhofunterführung anzutreffen, wo er «Geld schnorrt», wie er sagt. So auch an einem Morgen im vergangenen Winter, um 4 Uhr früh. Er bettelte unterhalb der Rolltreppe, die zum Loeb führt. Bald schon stand eine Zweierpatrouille der Securitrans vor ihm und forderte ihn auf, die Unterführung zu verlassen. Dabei hätten sie ihn «wie den allerletzten Dreck» behandelt, sagt Kurrle. «Sie nannten mich einen ,Scheissjunkie‘, ein ,Arschloch‘ und ,en truurige Siech’, worauf ich ihnen sagte, dass ich manchmal auch auf mein Leben pfeife.» Sie hätten ihn dann die Rolltreppe hinaufgeführt, wobei ihm eine Spritze aus der Tasche gefallen sei. Darauf habe der eine der Sicherheitsbeamten seinen Schlagstock gezogen. «Der wollte mich auf den Kopf schlagen, ich konnte nur noch wegrennen.» Er habe sich in ein bereitstehendes Taxi gerettet.
Mit der Stadt- und der Bahnpolizei habe er nie solche Geschichten erlebt, sagt Kurrle. Die Securitrans hingegen habe nicht nur ihn «nicht korrekt» behandelt. Schon mehrfach habe er von Kollegen vernommen, dass ihnen entweder «der Stoff weggenommen und auf den Boden geschmissen» worden sei oder dass sie gar in eines der Untergeschosse des Bahnhofs geführt und dort verprügelt worden seien.

Verschiedene Sicherheitsdienste
Ines Bürge, die Leiterin der Contact-Drogenanlaufstelle, hat ähnliche Geschichten auch schon gehört. Allerdings: «Seit dem letzten Herbst sind mir keine Zwischenfälle mehr zu Ohren gekommen.» Schon vor einem Jahr seien sie mit dem Chef der Securitrans zusammengesessen, hätten über deren Auftrag diskutiert und «für uns festgehalten, was die Objektbewacher dürfen und was nicht». Für den Laien sei es nämlich oft schwierig, die verschiedenen Sicherheitsorganisationen auseinander zu halten. Securitrans ist eine halbprivate Sicherheitsfirma, die vor vier Jahren gegründet wurde. Sie gehört zu 51 Prozent den SBB und zu 49 Prozent der Securitas. Etwa 15 Securitrans-Mitarbeiter patrouillieren auch in Bern in Zweierteams durch den Bahnhof und die Unterführung. Ihre Aufgabe gemäss firmeneigener Homepage: «Sie sorgen alleine schon durch ihre Präsenz für die Einhaltung der Hausordnung, verhindern Straftaten und beugen Belästigungen vor.» Wie die Securitas tragen die Securitrans-Männer einen blauen Overall mit dem entsprechenden Schriftzug auf dem Rücken. Die Ausbildung der Objektschützer ist kurz (siehe Text unten), dementsprechend gering sind ihre Kompetenzen. Sie dürfen etwa einen in flagranti erwischten Dieb festhalten, bis die Stadtpolizei oder die Bahnpolizei (petrolgrüne Uniform, Dächlikappe mit Aufschrift Police) da ist, um die Personalien aufzunehmen oder eine Verhaftung vorzunehmen.
Auch bei der kirchlichen Gassenarbeit ist man auf das Verhalten der Securitrans aufmerksam gemacht worden: «Ja, solche Zwischenfälle kennen wir», sagt Oliver Pettenati. Er spricht von einer «Grauzone», in welcher die Patrouillen gerne den Anschein erweckten, sie würden Amtshandlungen ausführen. Ihm sei zudem nicht klar, warum sich ihr Kontrollgebiet auch auf den städtischen Teil der Unterführung ausdehne, wo es sich doch um ein Sicherheitsunternehmen der SBB handle.

Misshandlung gefilmt
Aber auch im Bahnhof selber entwickeln die Objektschützer der Securitrans manchmal seltsam anmutende Eigeninitiative. So wurde etwa Yannick Noack (18), der das Strassenmagazin «Surprise» verkauft, von denselben Patrouillen täglich bis zu sechs Mal kontrolliert. «Sie behandelten mich von oben herab und wollten immer wieder meinen Verkäuferausweis sehen, obwohl wir uns seit langem vom Sehen her kennen.»
Auch J. A., der regelmässig am Bahnhof anzutreffen ist und seinen ganzen Namen aus Angst nicht in der Zeitung lesen will, hat seine Erfahrung mit Securitrans gemacht: Er bekomme Hausverbot, wenn er nicht sofort aufhöre, die Leute anzuquatschen, hätten ihm zwei Securitrans-Männer gesagt. Darauf sei er von ihnen ins Untergeschoss geführt worden – «dort, wo die Lüftung ist». Sie hätten ihn gezwungen, Kniebeugen zu machen. «Der eine machte davon mit seinem Handy ein Filmli, und der andere trat mich von hinten, dass ich fast auf den Boden fiel.»

«Wir wollen hilfsbereit sein»
«Wenn es zutrifft, was diese Leute erzählen, dann ist das absolut nicht tolerabel», sagt Urs Balzli aus der Geschäftsleitung der Securitrans auf die Anschuldigungen gegen das Sicherheitsunternehmen (siehe oben). «Aber ich bezweifle stark, dass da was dran ist.» Der Leiter Objektschutz in Bern habe ihm auf Anfrage gesagt: «So etwas ist bei uns nicht passiert.» Und solange keine klareren Anhaltspunkte vorlägen und die Betroffenen nicht sagen könnten, «wer was wann wo getan haben soll», könne der Sache nicht richtig nachgegangen werden.
Die interne Kontrolle laufe über ein Journal, in dem jeder Vorfall festgehalten werde. Die Männer seien immer zu zweit unterwegs und kontrollierten sich so gegenseitig, zudem bewegten sie sich im öffentlichen Raum, wo viele Blicke auf ihnen hafteten. Wenn es zu Zwischenfällen komme, bei denen sich jemand nicht richtig behandelt fühle, so seien die Männer angewiesen, Visitenkärtchen abzugeben, damit man sich beschweren könne. «Wir wollen hilfsbereit sein», sagt Balzli, «und gleichzeitig wollen wir uns, im Rahmen unserer Kompetenzen, durchsetzen.» Dadurch gebe es immer wieder Situationen, in denen sich die Securitrans nicht beliebt mache. Viele Anschuldigungen lösten sich aber bei genauem Hinsehen in Luft auf.

Zwei Tage Einführungskurs
Bewerber für den Objektschutz würden genau geprüft, sagt Balzli weiter. Neben einer abgeschlossenen Berufslehre müssen sie einen einwandfreien Leumund mitbringen. «Wir wollen keine Schlägertypen.» Wer den Anforderungen entspreche, werde zu einem «Welcome-Afternoon» eingeladen, an dem der Geschäftsführer auch den Verhaltenskodex des Unternehmens präsentiere. In einem zweitägigen Einführungskurs würden die Neulinge in Kommunikation, Recht, Organisation und Verhalten bei Betriebsstörungen eingeführt. Der Rest der Ausbildung geschehe «on the job». Anfänger patrouillierten immer mit Erfahrenen zusammen. Nach der dreimonatigen Probezeit gebe es monatlich einen Weiterbildungstag in Selbstverteidigung und Konfliktverhalten.

2 Prügler wird entlassen (Originalquelle: http://ch.indymedia.org/de/2005/04/31518.shtml)
Übergriff bestätigt
SBB-Objektschützer misshandelte Randständigen
Drogenabhängige und Randständige, die sich regelmässig am Bahnhof Bern aufhalten, haben am letzten Samstag im «Bund» über Übergriffe der SBB-Objektschützer von Securitrans berichtet. Zumindest ein Fall wurde von der Geschäftsleitung nun bestätigt: Zwei Männer haben im letzten Sommer einen Randständigen nach einer Kontrolle in ein Untergeschoss des Bahnhofs geführt und dort misshandelt. Ihre Tat haben sie mit dem Handy gefilmt. Einer der beiden Männer war – aus anderen Gründen – bereits entlassen worden. Der andere musste nun ebenfalls den Hut nehmen.
Die Berner Kriminologin Eva Wyss, Kritikerin der Privatisierung der öffentlichen Sicherheit, spricht von einem «schockierenden Vorfall». Sie hält die Ausbildung und die Kontrolle der Objektschützer für «absolut unzureichend». Martin Graf, der Chef des Unternehmens, hält dagegen, dass lange theoretische Ausbildungen «nichts bringen». (cvb)

Securitrans entlässt Prügler
Geschäftsleitung der SBB-Objektschützer zieht Konsequenzen aus den publik gewordenen Misshandlungen
Im Verborgenen haben sie Randständige misshandelt – jetzt ist zumindest einer der Beteiligten des SBB-Objektschutzes entlassen worden. Die Rekrutierung sei eines der grössten Probleme, sagt der Chef der Firma Securitrans.
Der Vorfall spielte sich Anfang letzten Juni ab: J. A., der als Randständiger regelmässig in der Unterführung des Berner Bahnhofs anzutreffen war, wurde von einer Patrouille der Securitrans kontrolliert. Wenn er nicht aufhöre, Passanten anzusprechen, bekomme er Hausverbot, beschieden ihm die zwei Männer in den blauen Uniformen. Darauf führten sie den geistig minderbemittelten Mann in ein Untergeschoss des Bahnhofs, wo sie ihn zwangen, Kniebeugen zu machen. Der eine filmte die Szene mit seinem Handy, während der andere den Mann von hinten so stark trat, dass dieser fast auf den Boden fiel. Das Filmchen kursierte darauf in Securitrans-Kreisen.

«Ich bezweifle stark, dass da was dran ist», sagte Urs Balzli von der Geschäftsleitung der Securitrans, als der «Bund» diesen Vorfall zusammen mit zwei weiteren am letzten Samstag publik machte. Unterdessen sind die Vorwürfe der Obdachlosen und Drogenabhängigen zumindest in diesem Fall jedoch erhärtet. Balzli: «Wir sind konsterniert.» Einfach sei es nicht gewesen, die Schuldigen zu finden, sagt Martin Graf, Chef der Securitrans. Alle Mitarbeiter seien mit den Fällen konfrontiert worden. «Aber niemand wollte etwas gewusst haben.» In «gezielten Einzelgesprächen» habe man die Sache weiterverfolgt, bis ein Mitarbeiter die zwei Beteiligten nannte. Einer der beiden sei aus anderen Gründen bereits entlassen worden. «Den anderen haben wir ebenfalls sofort entlassen», sagt Graf. Eine «Machtdemonstration» dieser Art sei absolut nicht tolerierbar. Die Geschäftsleitung habe noch weitere Konsequenzen gezogen: «Wir planen ein Manual für die ganze Firma, in der nochmals klar festgehalten ist, was man darf und was nicht.» Passanten, die schlechte Erfahrungen mit Securitrans-Angestellten gemacht hätten, sollten sich bei der Loge oder der Geschäftsleitung melden. «Wir werden diesen Fällen weiter nachgehen.»

«Keine demokratische Kontrolle»
Die Kriminologin Eva Wyss aus Bern zeigt sich «schockiert» über den Vorfall. Sie hat die Tätigkeit privater Sicherheitsdienste unter die Lupe genommen und ist eine Kritikerin der Privatisierung der öffentlichen Sicherheit: «Diese Leute sind völlig ungenügend ausgebildet», sagt Wyss, «die Sicherheitsdienste probieren da zu sparen.» Im Unterschied zur Polizei stünden die Sicherheitsdienste wie die Securitrans auch «nicht unter demokratischer Kontrolle».
Graf sieht dies anders: «Es macht keinen Sinn, wenn wir die Leute lange theoretisch ausbilden.» Erst auf den Rundgängen lerne man die Probleme richtig kennen. Zudem gebe es regelmässige Weiterbildungen und Teamsitzungen. Bei der Securitrans, einem Gemeinschaftsunternehmen von SBB und Securitas, gebe es zudem «keine Privatisierung der Macht».
Ein grosses Problem stelle allerdings die Rekrutierung dar: «Uns fehlen die Frauen – in Basel und Zürich, wo wir welche haben, läufts besser im Team.» Zudem habe er immer wieder «Bewerber aus der rechten Szene, die sich mit einer Uniform zu verwirklichen versuchen». Diese Bewerber herauszufiltern, koste «sehr viel Energie».

Kommentar
Das Problem ist nicht behoben
Der Bahnhof Bern braucht Ordnungshüter. Jemand muss sich darum kümmern, dass der Lift läuft, die Sanität in der Menge ihren Weg findet, Alkoholiker nicht in die Ecke urinieren und Junkies sich nicht mitten im Gehbereich ihre Nadel setzen. Die Securitrans-Mitarbeiter sind die Hauswarte der SBB. Sie machen auf die Hausordnung aufmerksam, haben aber nicht mehr Rechte als jeder Passant: Sie dürfen jemanden festhalten, bis die Polizei kommt.

Umso beunruhigender ist der jetzt bestätigte Übergriff der zwei Securitrans-Männer. Wenn Uniformierte einen Wehrlosen im Verborgenen misshandeln und den Vorfall mit einem Filmchen dokumentieren, so fühlt man sich eher an die Bilder aus Abu Ghraib in Irak erinnert als an eine Firma, die im Auftrag der SBB für Ordnung sorgen soll. Man muss zudem davon ausgehen, dass es sich nicht um den einzigen Übergriff dieser Art handelt. «Bund»-Recherchen weisen darauf hin, dass es innerhalb des Berner Securitrans-Teams eine eigenartige Gewaltdynamik gegeben hat.
Innerhalb von fünf Jahren ist die Zahl der Securitrans-Mitarbeiter schweizweit von null auf mehr als 400 gestiegen. Diese fortschreitende Privatisierung der öffentlichen Sicherheit wirft Fragen auf, mit denen sich Gesellschaft und Politik intensiver auseinander setzen sollten. Dürfen junge Männer schon nach zweitägiger Ausbildung mit Schlagstock und Handschellen auf Patrouille geschickt werden? Brauchen sie diese Polizeiinstrumente überhaupt? Die Vermischung von Hauswarts- und Hilfspolizeifunktionen ist gefährlich. Die häufigen Bewerbungen aus der rechtsextremen Szene zeigen, dass die Rekrutierung geeigneter Objektschützer schwierig ist.
Die Geschäftsführung der Securitrans hat nun einen Mitarbeiter entlassen. Das ist richtig. Allein, damit ist das Problem nicht behoben. Die Aufsicht muss verbessert werden, das Team sollte durch Frauen ergänzt und die Zusammenarbeit mit den Gassenarbeitern – ähnlich wie in Basel – intensiviert werden.

Was dürfen die Objektschützer?
Die Männer der Securitrans haben von den SBB den Auftrag, für die Einhaltung der Hausordnung auf dem Bahnhofsgelände zu sorgen. Auch auf dem städtischen Boden der Unterführung darf die Securitrans kontrollieren. Dies ist mit der Stadt vertraglich geregelt. Wenn die Objektschützer etwa einen Ladendieb auf frischer Tat ertappen, so können sie ihn festhalten – ein Recht, das jeder andere Bürger auch hat. Aber schon das Recht, den Ausweis zu sehen, liegt einzig bei der Polizei. Niemand ist verpflichtet, sich vor den Securitrans-Männern auszuweisen.

In Basel «mehr Pragmatik»
Auch in Zürich und Basel ist die Securitrans am Bahnhof aktiv. Die Situation dort sei aber ganz anders, sagt Martin Graf, Chef des Unternehmens. «In Zürich ist die Drogenszene über die Stadt verteilt und in Basel ist die Randständigenszene vor dem Bahnhof etwa um die Hälfte kleiner als in Bern.» Die Situation in Basel sei besser, weil Parteien und Gassenarbeit «mehr Pragmatik und weniger Ideologie» gezeigt hätten. Alle Beteiligten – Securitrans, Gassenarbeiter, die Leute von der Gasse und eine Vertreterin der Stadt – hätten sich an den runden Tisch gesetzt und Verhaltensregeln für den Treffpunkt vor dem Bahnhof ausgemacht. Jetzt sei allen klar, wann die Securitrans eingreifen dürfe, und die Leute von der Gasse kontrollierten sich sogar selber, sagt Graf. «Denn irgendwo müssen die sich ja auch aufhalten dürfen.» (cvb)