Archiv für Neue Soziale Bewegungen
Räumungsandrohnung Wagenburg „Alternative“

Räumungsandrohnung Wagenburg „Alternative“

Inhalt:
1. Ultimatum
2. Communiqué


1. Ultimatum (Originalquelle: http://ch.indymedia.org/de/2006/07/42250.shtml)
WAGENBURG IM NEUFELD
Stadt stellt Ultimatum: Jetzt müssen Stadtnomaden weg
Die Wagenburg des Vereins Alternative muss bis am 10. August dem Bau des Neufeldtunnels weichen. Die Stadtpolizei hat den Stadtnomaden ein Ultimatum übermittelt. Das Zaffaraya kann noch bis Ende Jahr bleiben.

Die Besetzer des Vereins Alternative haben jüngst Besuch erhalten. Die Stadtpolizei hat den Stadtnomaden ein schriftliches Ultimatum zur Räumung des Geländes an der Studerstrasse überreicht. «Der Verein Alternative muss das Gelände beim geplanten Autobahnzubringer Neufeld bis am Abend des 10. August räumen», sagt Polizeidirektorin Barbara Hayoz (FDP) auf Anfrage.

Bereich des Tunnelportals
Das kantonale Tiefbauamt hat der Stadt ein entsprechendes Räumungsgesuch gestellt. «Die Wagenburg steht im Bereich des Tunnelportals», sagt Bernhard Linder. Zudem komme an diese Stelle auch die Installationsfläche für den Betrieb des Tunnels zu stehen. Der offizielle Baubeginn sei für den 4. September vorgesehen. «Für die Vorbereitungsarbeiten muss das Gelände aber bereits zwei, drei Wochen vorher geräumt sein», sagt Bernhard Linder.

Falls die Wagenburgbewohner dem Ultimatum nicht Folge leisten, werde die Polizei «die nötigen Massnahmen» treffen. Dabei geht es nach Hayoz um eine «rein operative Angelegenheit», wie sie «bei allen Besetzungen» üblich sei. Von der Räumung nicht betroffen ist das nahe Zaffaraya. Hier gibt es ein Abkommen zwischen der Stadt und dem Gemeinderat (siehe Kasten).

Kein Ersatzstandort
Das Ultimatum der Stadt sei viel zu kurzfristig, sagt Martin Weiss von den Stadtnomaden. «Wir haben zwei Wochen zum Zügeln. Das schaffen wir nie.» Zudem wüssten sie nicht, wo sie hingehen sollten. «Wir gehen erst, wenn wir einen Platz haben, auf dem wir bleiben können», sagt Sascha Sieber. Er habe keine Lust, 16-mal umzuziehen so wie im letzten Jahr. «Wir brauchen einen Ort zum Leben und nicht zum Zügeln.»

Doch einer Räumung durch die Polizei wollen die Stadtnomaden entgehen. «Dabei würden doch mindestens die Hälfte unserer Wagen kaputt gehen», sagt Weiss. Doch darin – «das sind unsere Wohnungen» – stecke Herzblut, ja Liebe. Deshalb hoffen die Bewohner noch immer, mit der Stadt eine Lösung zu finden. «Denn schliesslich haben uns die Behörden hierher ins Neufeld geschickt.»
Der Besuch der Polizei hat die Stadtnomaden verärgert: «Anstatt mit uns zu verhandeln, schickt man die Bullen mit einem Ultimatum vorbei», sagt Sieber. Die Stadt helfe bei der Suche nach einem Ersatzstandort nicht mit. Ein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag kommt von einem Bewohner mit Rastalocken und nacktem Oberkörper: «Wir wären zufrieden, wenn wir so lange bleiben könnten, bis die Bundesräte aus den Ferien zurück sind.»

Das Hüttendorf Zaffaraya kann gemäss einer Vereinbarung mit der Stadt noch bis Ende dieses Jahres auf dem Autobahnzubringer Neufeld bleiben. «Mit dem Zaffaraya haben wir eine Einigung. Das ist erledigt», sagt Gemeinderätin Barbara Hayoz.
Als Ersatzstandort ist ein Gelände nördlich des Park+Ride Neufeld vorgesehen, das auf Nationalstrassenterrain liegt. Die Begeisterung der Zaffarayaner über das neue Domizil soll sich jedoch in Grenzen halten. «Das Zaffaraya muss gewisse Abstriche hinnehmen», sagt Peter Streit von der Direktion für Bildung, Soziales und Sport (BSS), der an den Verhandlungen mit den Zaffarayanern beteiligt war. Der neue Ort sei kleiner als der bisherige. Zudem hätten die Bewohner der Siedlung andere Vorstellungen von ihrem künftigen Lebensmittelpunkt gehabt. Viele hätten wohl auch gehofft, dass mit dem Bau des Neufeldtunnels nicht dieses Jahr begonnen werde. Nach dem Rückzug der letzten Beschwerde stehe dem Bau aber nichts mehr im Wege, wie Peter Streit ausführt. bob

2. Communiqué (Originalquelle: http://ch.indymedia.org/de/2006/07/42331.shtml)
Mit diesem Communiqué reagieren wir auf das Räumungsultimatum der Stadtpolizei per 11. August.
Wir, die Stadttauben, leben seit geraumer Zeit zusammen in einer alternativen und nicht konformen Lebensform. Aufgrund städtischer Vertreibungs- und Verdrängungspolitik und der anscheinend dringenden Notwendigkeit, noch mehr Wohnraum für die Obere und die gehobene Mittelklasse zu schaffen, wurden wir gezwungen, unseren Lebensraum zu verlassen.
Auf dem Wohnungsmarkt steht der Profit im Vordergrund, billiger Wohnraum wird abgerissen, luxussaniert oder zu Gewerbefläche umgewandelt.
Bern wird immer mehr zur Stadt der besser verdienenden.
Mit attraktiven, gut ausschauenden und sauberen Bebauungen wird die Stadt aufgesrüstet.
Einkommensschwache Gruppen, ältere Menschen, Junge in Ausbildung, MigrantInnen oder Leute mit nonkonformem Wohn- und Lebensanspruch sind die, die darunter leiden.
Nun leben wir seit ca. 6 Monaten neben dem „Verein Alternative“ und dem „Zaffaraya“ beim Neufeld Park&Ride.
Letzten Dienstag hat uns die Stadtpolizei aufgesucht, um uns über das Räumungsultimatum zu informieren.
Da uns bewusst war, dass wir diesen Platz verlassen werden müssen, haben wir uns im Gespräch mit der Stadtpolizei kooperativ gezeigt. Daraufhin hat uns die Polizei mit Zwangsräumung unter massiver Polizeigewalt und Beschlagnahmung sämtlicher Wagen bei nichteinhalten der Frist gedroht.
Das Verhalten der Polizei zeigt einmal mehr, dass wir mit unserer alternativen Lebensform der Stadt Bern ein Dorn im Auge und hier nicht erwünscht sind.

Diese repressive Politik wird keine Früchte tragen.
Wir lösen uns nicht in Luft auf.
Ihr könnt uns nicht verdängen.

Wir spannen unsere Flügel und nisten uns ein – hier!
die Stadttauben