Ausschreitungen Bollwerk (Fabrikool)

Inhalt:
1. Communiqué
2. Communiqué Bezugsgruppe Rhabarber
3. Medienbericht


1. Communiqué (Originalquelle: https://barrikade.info/article/2288)
„Räumung=Krawalle“
Was fällt euch ein, in unser Haus einzufallen? Mit Sondereinheiten einen Quartierstreffpunkt zu räumen? Wo eben noch Leben war, steht jetzt ein Käfig. Kochequipment, Veloflickzeug, Kinderspielsachen, Druckutensilien, Sofas – alles „sicher“ verstaut hinter einem vier Meter hohen Zaun, rund um die Uhr bewacht von Hilfssheriffs der Firma Vüch. Verstaut bis zum Verstauben. Verstaut, bis es „entsorgt, verschenkt oder verkauft“ wird. Es ist, als wurde ein*e Freund*in von uns hinter Gitter gesperrt. Ihr habt dem Fabrikool die Augen genommen, die Fenster, die wir eigenhändig eingebaut haben. Drinnen ist jetzt kein Licht mehr, keine Wärme und kein Geräusch.

Einfach aus Prinzip wurde unser Lebensraum zerstört, obwohl klar ist, dass vor 2020 nicht gebaut wird. Weil der Staat einen „vertragslosen Zustand“ nicht ertragen kann. Wir haben im Fabrikool nicht gewohnt, aber wir haben dort gelebt, wir haben das Haus belebt und es ist unser Haus. Es gehört niemandem und allen, aber sicher nicht denen, die es uns gewaltsam nehmen. Und schon gar nicht irgendwelchen profitgesteuerten Architekten, die 22.000 Fr. Miete im Monat abkassieren wollen. Und dennoch haben Hebeisen + Vatter mit ihrem Entwurf den 1. Platz in der Ausschreibung in puncto „Quartierverträglichkeit“ erhalten.

Die Bedeutung des Fabrikools für das Quartier ist dagegen nicht zu unterschätzen. In Zeiten da der Heimatbegriff um sich greift und Menschen ihr eigenständiges Denken ausknipsen, um den Heimatprediger*innen in Herden hinterherzurennen, setzt das Fabrikool dieser Seuche ein Zuhause entgegen. Ein Zuhause, das niemanden ausschliesst, die*der niemand anderen ausschliesst wegen Hautfarbe, Körper, Alter, Geschlecht*, Herkunft, sozialem Status, Geld, Papieren … allem, was dazu benutzt wird, Hierarchien zwischen Menschen zu konstruieren. An der Quartiersversammlung am Donnerstag fiel das Wort „Freiheit“, als es darum ging, das Zusammenleben im Fabrikool zu beschreiben. Diese Freiheit kann uns niemand nehmen.

Schon im Vorfeld der Abriegelung des Fabrikools wurde die Botschaft „Räumung = Krawalle“ auf einem kleiderbügelgrossen Schild an der Hauswand medial hochstilisiert. Ein gefundenes Fressen für die Presse. „Friedlich“ wurde die gewaltsame Räumung unseres Zuhauses wenige Tage darauf dann geradezu höhnisch betitelt. Was ist daran friedlich, wenn bewaffnete Einheiten unseren Lebensraum zerstören. Wenn mitten im Frühling alles Grün rund um das Gebäude mit Motorsägen beseitigt wird (ironischerweise fand das Gemetzel unmittelbar unterhalb eines „Hambi bleibt“-Banners statt). Wenn solidarische Menschen von Bullen belästigt und auf den Posten verschleppt werden, egal wie jung sie sind.
All die solidarischen Menschen, die während der Räumung präsent waren, bleiben in der Presse natürlich unerwähnt. Denn dem medial beliebten Bild des „linksautonomen Terrors“ ist es wenig zuträglich, von wütenden Anwohner*innen zu berichten, die den Cops ihre Meinung sagen.
Vermutlich sollte der Kommentar „friedlich“ ein Seitenhieb auf die Besetzer*innen sein, als hätten diese nichts als leere Drohungen zu bieten.

Aber wir wissen, wovor der Staat und seine Marionetten in Wahrheit am meisten Angst haben: Die „Bewegung Fabrikool“ lebt. Der Rückhalt, den das Fabrikool in der ganzen Stadt erfährt, ist ihr Alptraum. Aber er lässt sich nicht einfach wegschweigen.
Breit wie die Belebung des Fabrikools ist der Widerstand. Denn Widerstand ist nicht „nur“ Steine schmeissen und brennende Barrikaden errichten. Widerstand ist auch, wenn überall im Quartier und in der ganzen Stadt „Fabrikool bleibt“-Fahnen aus den Fenstern hängen. Wenn sich eine Anwohnerin bei der Quartiersversammlung am Donnerstag für eine Neubesetzung ausspricht und der gesamte Saal applaudiert. Wenn Menschen kochen für die bunte Demo am Freitag. Widerstand bedeutet, einfach da zu sein bei der Räumung. Und Widerstand ist: Kinder hüten, damit die Eltern mitmachen können bei den Riots am Samstag nach der Räumung.

Riots sind eine weitere und wichtige Form des Widerstands. Sie haben etwas sehr befreiendes. All die Energie, die in das Fabrikool gesteckt wurde, ist noch lange nicht versiegt – sie wurde geradezu freigesetzt. Wir sind nicht friedlich. Aber wir reagieren nicht ziellos und unkontrolliert. Wir organisieren uns, und wir bleiben unkontrollierbar.
Unser Angriff ist für alle, die genug haben von der tagtäglichen Schikane durch die Behörden. Von den ständigen Vorplatzkontrollen, der systematischen Willkür, dem institutionalisierten Rassismus der Behörden, den Angriffen auf unsere Freiheit. Davon, dass Bullen und Staat versuchen, alles im Keim zu ersticken, was die herrschende Ordnung in Frage stellt und der allgegenwärtigen Depression neue Ideen entgegensetzt.
Und unser Angriff richtet sich gegen alle, die sich uns in den Weg stellen.

So sieht ein Tag X aus, Cioppi.
Wir bleiben wütend.
Nichts ist vorbei!
No Cops – No Masters – No Hebeisen+Vatters – verpisst euch, ihr seid unerwünscht!


2. Communiqué Bezugsgruppe Rhabarber (Originalquelle: https://barrikade.info/article/2289 )
Einige Worte zu den Ereignissen des 18. Mai
In der Nacht vom Samstag auf Sonntag haben wir uns an den offensiven Aktionen gegen die Polizei im Raum der Reitschule beteiligt. Der heutige Schritt sehen wir als notwendige Antwort auf die jüngsten Repressionen im Raum Bern. Heute war unsere Wut so gross, dass sich die Polizei mehrmals zurückziehen musste. Dies sehen wir als Zeichen des Erfolgs und als eine aufkommende Motivation, sich weiterhin Staat und Polizei in den Weg zu stellen.

Wir, das sind Menschen, die sich mit dem geräumten Fabrikool solidarisieren. Hierbei wollen wir darauf aufmerksam machen, dass das Fabrikool im Rahmen der militanten Aktionen rund um die Effy29 Räumung erkämpft werden konnte. Die staatliche Angst vor neuen Auseinandersetzung führte letzten Endes dazu, dass das Fabrikool nicht geräumt wurde. Die heutigen Aktionen sollen die Zeit um die Effy29 Räumung wieder in Erinnerung rufen. Jede Räumung hat ihren Preis!
Die Fabrikool Räumung stellen wir in den Kontext einer repressiven Aufrüstung, die in den letzten Monaten stattfand. So wurden rund um die Reitschule wiederholt Razzien durchgeführt, Menschen durch die Polizei bedroht und schikaniert, sowie beinahe politische Sprayer*innen und Gäste der Reitschule von einer zivilen Streife überfahren. Auch auf juristischem Weg versucht der Staat zuzuschlagen. So erhalten aktuell dutzende Menschen Strafbefehle für die eingekesselte Afrin Demo vom letzten Jahr. Mit dem neuen Polizeigesetz warten weitere repressive Pfeile im Köcher von Justiz und Polizei.
So verzweifelt der Staat auch versucht uns zu unterdrücken und uns zu zerschlagen, manifestiert sich der Widerstand gegen die jüngste Repression auf verschiedene Arten und Wege. Heute war es mit Steinen und brennenden Barrikaden, seit Monaten sind es Blumen auf dem Waisenhausplatz für den ermordeten K. und demnächst können es neue Besetzungen sein.
Die Kraft und Energie, die wir heute erfahren haben werden wir in unsere zukünftigen Kämpfe tragen. Gleichzeitig brauchen solche Angriffe auch eine Phase der Reflexion und Kritik. So können wir nicht für eine herrschaftsfreie Welt kämpfen, wenn an solchen Abenden sexistische Äusserungen und Handlungen von Einigen an den Tag gelegt werden und Selbstinszenierung als zentraler Grund für solche Aktionen angesehen wird.

Wir grüssen die Verhafteten in Indonesien
Wir grüssen alle, die aktuell von der Repression der Afrin-Demo betroffen sind
Wir grüssen alle Menschen, mit denen wir uns viel zu selten solidarisch zeigen.
„Bezugsgruppe Rhabarber“


3. Medienbericht (Originalquelle: https://www.tagesanzeiger.ch/bern/randalierer-setzen-strassen-rund-um-reitschule-in-brand/story/27007250)
Zehn verletzte Polizisten bei Krawallen in Bern
In der Nacht auf Samstag brannten rund um die Reitschule Barrikaden und Autos. Hintergrund ist offenbar die Räumung eines besetzten Hauses.

Wenn es rund um die Berner Reitschule zu Randalen kommt, ist oft unklar, warum der Konflikt eskaliert ist. Linksradikale Gruppierungen und die Polizei geben sich jeweils gegenseitig die Schuld für die Ausschreitung. Nicht so am Samstagabend. Mehr als 30 schwarz Vermummte begannen um 0.30 Uhr, Barrikaden zu bauen und diese anzuzünden. Es brannte unter der Eisenbahnbrücke, beim Henkerbrünnli und auch auf der Schützenmattstrasse.

Der Partybetrieb auf der Schützenmatte lief derweil weiter. Dann passiert lange nichts. Es scheint, als würden sich die Vermummten zu langweilen beginnen, wie der «Bund» vor Ort feststellt. Doch dann, rund eine Dreiviertelstunde später, reagierte die Polizei. Jedoch ohne grosse Schlagkraft.

Angriff mit Flaschen und Laserpointern
Um die 30 Polizisten versuchten, aus Richtung Hodlerstrasse eine Barrikade zu räumen. Sie setzen dabei Tränengas ein. Die Beamten scheiterten jedoch an heftiger Gegenwehr der Vermummten, die Polizisten mit Laserpointern und Feuerwerkskörpern attackierten. Die Randalierer wirken gut vorbereitet, sie tragen Schutzbrillen und Helme und bewegen sich nur in Gruppen. Die Beamten müssen sich zurückziehen.

Die Randalierer bauten darauf vor der Drogenanlaufstelle eine weitere Barrikade. Direkt neben der Eisenbahnbrücke zündeten sie zudem auch drei Autos an.

Die Reitschule rief ihre Besucherinnen und Besucher dazu auf, sich ruhig zu verhalten. Über den Kurznachrichtendienst Twitter informiert das Kulturzentrum etwa darüber, dass Partygäste vom Vorplatz in die Grosse Halle gebracht worden seien.

Gegen 4 Uhr schien sich die Situation zu beruhigen. Jedoch nicht, weil die Polizei vorrückte, sondern weil sich die Vermummten zurückzogen. Nach und nach verlöschten die brennenden Barrikaden, das Holz und die Plastik-Container waren schlichtweg runtergebrannt. Einige Schaulustige begannen sogar damit, aufgeschichtete Eisengitter auf die Seite zu ziehen. Dies stiess auf unterschiedliches Echo: «Super Jungs», sagte einer der vorbeilief. Andere schüttelten den Kopf.

Später rückte dann die Polizei dennoch mit einem Wasserwerfer auf die Schützenmatte vor und führte umfangreiche Personenkontrolle durch. Wer spätnachts eine der Clubs verlassen wollte, musste sich Ausweisen. Die Polizei berichtet von 11 angehaltenen Personen. In einer Mitteilung schreibt die Polizei zudem, dass beim Einsatz acht Polizisten und zwei Polizistinnen verletzt wurden. Abklärungen zufolge wurden drei Autos sowie zwei Velos durch das Feuer vollständig zerstört worden. Zudem wurden mehrere zerbrochene Autoscheiben und Fenster eines Zugs festgestellt. Weiter wurden Behälter mit Farbe gegen das Amtshaus geworfen sowie Scheiben eingeschlagen. Der Sachschaden dürfte sich gemäss Polizei auf mehrere zehntausend Franken belaufen.

Reitschule und Polizei waren in Kontakt
Nach den gewalttätigen Auseinandersetzung haben sich auch die Betreiber der Reitschule gemeldet. In einer Mitteilung vom Sonntagnachmittag schreibt die Mediengruppe, dass «die Sicherheit unserer Gäste» an erster Stelle gestanden sei. So hätte man Massnahmen ergriffen: Unter anderem seien die Unbeteiligten Personen in die Grosse Halle geleitet worden.

Man habe um kurz vor 2 Uhr mit der Kantonspolizei Kontakt gehabt, welche man unter anderem über die aktuelle Lage der Gäste informiert habe. Die Polizei bestätigt den Kontakt mit den Reitschülern auf Anfrage. Die Reitschule lehne «alle Gewalttätigkeiten von der Nacht auf Sonntag entschieden ab». Zu den Gründen für die Auseinandersetzung könne man sich nicht äussern.

Auch am Sonntagmorgen waren noch Räumungsarbeiten im Gang und die Zerstörungen der Nacht deutlich sichtbar. Auf der Online-Plattform Barrikade.info ist ein Bekennerschreiben aufgetaucht. Darin steht zwar nicht explizit, dass der Angriff aufgrund der Räumung des besetzten Fabrikool geschehen ist. Der Zeitpunkt der Publikation ist jedoch ein starkes Indiz dafür, dass die Räumung der Grund für die Ausschreitungen war. Zudem steht am Ende: «Unser Angriff richtet sich gegen alle, die sich uns in den Weg stellen.»

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