Archiv für Neue Soziale Bewegungen
Naziaufmarsch Burgdorf

Naziaufmarsch Burgdorf

Inhalt:
1. Aufruf
2. Medienbericht

1. Aufruf (Originalquelle: http://ch.indymedia.org/de/2004/07/24623.shtml)
Communiqué zum Neonaziaufmarsch in Burgdorf Steinhof vom 3. Juli 2004
Liebe Medienschaffende
Am Samstag, 3. Juli, fand in Burgdorf ein Aufmarsch von rund zwanzig Rechtsextremen statt. Sie gedachten damit des 2002 bei einem Auto-Unfall verstorbenen «Kameraden» Marcel Bannwart. Der Trauermarsch wurde von einem Dispositiv der Kantons- und Stadtpolizei geschützt und war offenbar unter Auflagen bewilligt worden. Im Anschluss an den Friedhofsbesuch fand im alten Samariterhaus bei Hasle-Rüegsau ein Fest statt.
In den lokalen Medien wurde der «friedliche» und «korrekte» Charakter des Neonazi-Umzugs herausgestrichen und die Zusammenarbeit mit der Polizei als positiv taxiert. Nette Töne auch von Behördenseite: Paul Moser, Leiter der öffentlichen Sicherheit der Stadt Burgdorf, liess sich in der Berner Rundschau mit folgenden Worten zitieren: «Die Umzugsteilnehmer verhielten sich ruhig und korrekt.» Die Leute hätten sich an die Abmachungen gehalten.
Solche Reaktionen, die sich allein auf den technischen Ablauf beschränken, zeugen von Ignoranz gegenüber der gewalttätigen Ideologie des Rechtsextremismus und geben der Neonaziszene Rückenwind. Durch das positive Medienecho werden die Faschos darin bestärkt, den bereits zum Ritual gewordenen Marsch – im vergangenen Jahr nahmen rund 70 Rechtsextreme teil – zu wiederholen.
Die rechtsextreme Szene nutzt jede Gelegenheit, die sich ihr bietet, um ihre Inhalt auf die Strasse zu bringen.
Dass es sich im aktuellen Fall um einen «Anlass der Trauer» handelte, hielt die Beteiligten nicht davon ab, ihr rechtsextremes Gedankengut zur Schau zu tragen. Ein Akt der Trauer wird zur politischen Manifestation umfunktioniert, um menschenverachtende, rassistische und fremdenfeindliche Botschaften zu transportieren. Darüber hinaus dienen solche Anlässe der Szene als willkommene Gelegenheit, neue und alte Kontakte zu pflegen und so ihre Strukturen zu festigen.
Zugegeben, der Trauermarsch vom vergangenen Samstag war ein mickriger Versuch, sich auf der Strasse präsent zu zeigen – es liessen sich nur wenige Rechtsextreme mobilisieren.
Dennoch darf es nicht sein, dass sich die Öffentlichkeit an das Bild aufmarschierender Faschos gewöhnt oder diese goutiert, solange die Anlässe «friedlich und korrekt» verlaufen.
Dieser Entwicklung muss unbedingt Einhalt geboten werden. Kein Raum für Nazis – nirgendwo!
Freundliche Grüsse
Antifa Bern


2. Medienbericht (Originalquelle: https://www.antifa.ch/warnung-vor-marsch-der-neonazis/ & https://www.antifa.ch/rechtsradikale-ziehen-erneut-zum-grab-ihres-kameraden/)
Warnung vor Marsch der Neonazis
BernerZeitung
Wird sich der Trauermarsch der Neonazis vom letzten Jahr wiederholen? Die Linke behauptet, in den Tagen um den 5. Juli werde sich die rechte Szene erneut in Burgdorf versammeln. Die Stadt ist wachsam.
Die Mail, die gestern an die Behörden von Burgdorf und an die Medien ging, malt schwarz. Es sei «fast schon» zur Tradition geworden, dass sich die rechte Szene in den Tagen um den 5. Juli herum zu einem Marsch zum Gedenken an einen der Ihren in der Emmestadt treffe. «Jeweils 80 bis 100 Naziskins zogen durch die Stadt und konnten so unter dem Deckmantel eines Trauerumzuges ihre faschistische Gesinnung zur Schau stellen», so das anonyme, wohl aus linker Feder stammende Schreiben weiter.

Ziel «nicht völlig erreicht»
Tradition? Mitnichten, wie ein Blick ins Internet zeigt. Zwar wird hier im Umfeld der rechts gesinnten Partei National Orientierter Schweizer (PNOS) tatsächlich von einem Marsch hin zum Burgdorfer Friedhof berichtet, der am 5. Juli 2003 stattgefunden hat. Auf der gleichen Seite steht aber auch, dass der junge Mann, um den getrauert wurde, erst im Jahr zuvor «einem tragischen Autounfall» zum Opfer gefallen war. Der letztjährige Umzug war demzufolge der erste und bisher einzige seiner Art.

Der junge Mann muss in der rechten Szene hoch angesehen gewesen sein. Voller Ehrfurcht erinnert die Internetseite an die Rede, die «ein Freund des Verunglückten» am Grab gehalten hat, «um den Anwesenden vor Augen zu führen, wer er war und wofür er stand». Den Anlass bezeichnet der Bericht als «sehr gelungen» – wenn da «der Wachhund der Demokratie» nicht gewesen wäre: «Ihren fehlenden Respekt vor dem schrecklichen Schicksal eines politischen Gegenspielers bewies die örtliche Antifa noch am selben Abend bei einer lächerlichen Gegendemonstration.»
Die Gegenseite sieht die Sache naturgemäss anders. So lobt sie den eigenen Aufmarsch als «kleine, friedliche, aber sehr laute Gegendemonstration» und legitimiert sie damit, «dass Neonazi-Aufmärsche, unter welchen Vorwänden auch immer, nicht geduldet werden». Die Antifa-Website kommt nicht um eine bedauernde Feststellung herum: «Leider» sei die Stadt zur Zeit der Gegendemo «quasi menschenleer» gewesen, «womit das Ziel nicht völlig erreicht wurde».

Kaum Notiz genommen
Wie auch immer, zu Scharmützeln, wie sie zwischen den Gruppierungen schon vermehrt vorgekommen sind, kam es für einmal nicht. So kommt es, dass auf der Stadtverwaltung von den Ereignissen des 5. Juli 2003 kaum jemand Notiz genommen hat. Und wie wird es heuer sein, wenn sich die rechte Szene tatsächlich wieder zu einem Marsch sammeln sollte? «Wir sind froh um den Hinweis und werden sicher wachsam sein», erklärt Paul Moser, der neue Chef im Bereich öffentliche Sicherheit.

BernerRundschau: Rechtsradikale ziehen erneut zum Grab ihres Kameraden
Burgdorf Skinheads veranstalteten am Samstag unter Aufsicht der Polizei erneut einen Trauermarsch auf den Friedhof
Skinheads aus der ganzen Schweiz haben am Samstag bereits zum zweiten Mal einen Gedenkmarsch zum Grab ihres verstorbenen Kameraden in Burgdorf unternommen. Auch wenn die Polizei Personen aus linksextremen Kreisen sichtete, kam es zu keinerlei Problemen.

Christian Liechti
Kurz vor 17 Uhr versammelte sich eine Gruppe Skinheads auf dem Parkplatz beim Burgdorfer Bahnhof Steinhof, um angeblich einen «Trauermarsch» auf den Friedhof zu machen. Dort wurden sie von der Kantons- und Stadtpolizei Burgdorf in Empfang genommen. Unter Aufsicht der Beamten setzte sich die Gruppe aus 17 Rechtsextremen – unter ihnen auch zwei Frauen – in Zweierkolonne in Bewegung. Ihr Ziel: das Grab ihres verstorbenen Kameraden in rund 500 Meter Entfernung. Dieser war am 5. Juli 2002, im Alter von 19 Jahren, bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Mindestens einer der Teilnehmer trug ein T-Shirt mit der Aufschrift «Skinheads Burgdorf». Andere mit «Hammer Skins». Beim Grab angekommen, legte die Gruppe eine Schale mit Sonnenblumen nieder. Zwei Umzugsteilnehmer rollten ein Transparent mit der Aufschrift «In unseren Herzen» sowie mit dem Namen des Verstorbenen aus. Nach einer kurzen Andacht machten sich die Skinheads auf den Rückweg zum Bahnhof Steinhof.

Der Umzug sei ruhig verlaufen, sagt Oliver Cochet, Mediensprecher der Kantonspolizei Bern, auf Anfrage dieser Zeitung. «Die Umzugsteilnehmer verhielten sich ruhig und korrekt», bestätigt auch Paul Moser, Leiter öffentliche Sicherheit der Stadt Burgdorf. Die Leute hätten sich an die Abmachungen gehalten. Auch die linke Seite scheint sich an diesem Wochenende ruhig verhalten zu haben. Bis zu Redaktionsschluss sind keine Nachrichten einer spontan organisierten Gegendemonstration eingegangen.

Der Marsch wiederholt sich
Bereits im letzten Jahr, zum ersten Todestag ihres Kameraden, zogen rund 70 Rechtsradikale durch Burgdorf. Der angebliche Trauermarsch wurde von der «Partei national orientierter Schweizer» (PNOS) organisiert. Im vergangenen Jahr nahm die PNOS im Kanton Aargau an den Nationalratswahlen teil. Die Partei wurde gemäss Rechtsextremismus-Experte Hans Stutz Anfang September 2000 in Liestal gegründet und hat Stützpunkte in Basel, Aarau, Bern sowie im Engadin.
Nach dem Trauermarsch im vergangenen Jahr organisierte eine antifaschistische Gruppe eine Gegendemonstration. «Nazis raus» skandierend, zogen etwa 30 Personen ebenfalls durch die Strassen Burgdorfs. Damals schrieben sie in einem Communiqué, dass sie öffentliche Auftritte Rechtsextremer nicht unbeantwortet lassen wollen.