2019,  Besetzung,  Gender

Besetzung Uni Bern (Frauen*streik)

Inhalt:
1. Communiqué
2. Medienbericht


1. Communiqué (Originalquelle: https://www.facebook.com/frauenstreik2019bernerhochschulen/posts/2405971299630831?__tn__=-R & https://www.facebook.com/frauenstreik2019bernerhochschulen/photos/a.2393702130857748/2405999616294666/?type=3&theater)
**UNI BERN BESETZT**
„Wenn uns die Uni keinen Raum gibt, nehmen wir ihn uns selber!“ Einen Monat vor dem *Streik setzen wir ein Zeichen und besetzen den Raum 117 im Hauptgebäude der Uni Bern. **FLINT-Raum** (Frauen*, lesben, inter, nicht-binär und trans Menschen). Vorbeikommen und weiterleiten! Mit Kaffe & Kuchen, Musik & Spass.
ZÄMÄ GÄGÄ Z PATRIARCHAT!
Kollektiv Frauen*streik Berner Hochschulen 😀

 

 

STREIKFORDERUNGEN des Kollektivs Frauen*streik Berner Hochschulen
1. Wir fordern Schluss mit sexueller Belästigung und sexueller Gewalt an den Berner Hochschulen! 31% aller Frauen* fühlten sich am Arbeitsplatz schon belästigt, unter ihnen Sekretär*innen, Professor*innen, Doktorand*innen. Jede*r zehnte Student*in hat bereits sexuelle Belästigung erlebt. Auch die Uni ist nicht frei von Abhängigkeitsverhältnissen, Machtstrukturen und sexistischen Gewohnheiten, die dies ermöglichen. Wir fordern ein Brechen mit ebendiesen Strukturen und eine Reorganisation zur Prävention und Bekämpfung sexueller Gewalt!

2. Wir fordern eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt. Die Hürden für die Meldung von Sexismus und sexueller Belästigung an der Uni sind zu hoch. Die offizielle Anlaufstelle wird nicht genutzt und bewirkt einzig, dass die Uni sich gegen aussen profilieren kann, etwas dagegen zu unternehmen.

3. Wir fordern Schluss mit Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. An den Hochschulen herrscht struktureller Sexismus. Durch diese Struktur werden Frauen* diskriminiert, benachteiligt und abgewertet. Der Wissenschaftsbetrieb muss
reorganisiert werden.

4. Wir fordern faire Anstellungsbedingungen für alle Arbeitnehmer*innen an der Universität Bern Reinigungs- und Mensapersonal werden von der Universität an private Firmen ausgelagert. Dies schafft schlechtere Bedingungen für sowieso schon (zu) wenig geschätzte Arbeit. Wir wehren uns gegen das Unsichtbar machen dieser Stellen und fordern die Uni dazu auf, für alle angestellten Personen die gleiche Verantwortung zu übernehmen.

5. Wir fordern die aktive Förderung von Frauen* in der Wissenschaft
Nur durch eine Mehrzahl an weiblichen* Studierenden hat sich die Geschlechterungleichheit in höheren Positionen noch lange nicht erledigt, noch wird sie sich von alleine einpendeln. Professorinnen* bleiben auch nach Jahren massiv untervertreten. In der Unileitung sind 5 von 6 Personen Männer*. Dies muss sich durch eine sofortige Änderung der Machtverhältnisse ändern.

6. Wir fordern mehr feministische Themen in der Lehre und Forschung. Der wissenschaftliche, literarische und kulturelle Kanon ist noch immer patriarchal: Frauen*, ihre Anliegen und Sichtweisen kommen zu kurz! Die Hochschulen sollen ein Ort der Gleichstellung und kritischen Denkens sein, welcher es erlaubt, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.

7. Wir fordern eine konsequent geschlechtergerechte Sprache. Frauen*, inter, nicht-binäre und trans Personen sollen nicht mehr nur “mitgedacht”, sondern explizit in der Sprache abgebildet werden. Wir fordern, dass geschlechtergerechte Sprache an allen Fakultäten und Instituten angewendet wird. Geschlechtergerechtes Schreiben und Sprechen soll Teil des Lehrplans und Standard des wissenschaftlichen Arbeitens sein.

8. Wir fordern gleichen Lohn für gleiche Arbeit Nicht alle Professorinnen* erhalten den gleichen Lohn wie ihre männlichen* Kollegen in gleicher Stellung. Das Gleiche gilt für Buchhalterinnen*, Mensamitarbeiterinnen*, Kommunikationsmitarbeiterinnen* und weitere. Wir fordern transparente Anstellungsverhältnisse und effektive Massnahmen, um Lohngleichheit sofort zu verwirklichen.

9. Wir fordern familienfreundlichere Rahmenbedingungen an den Hochschulen damit Studium, Familie und Arbeit vereinbar sind. Für die Chancengleichheit ist die Vereinbarkeit von Studium, Arbeit und Familie unerlässlich. Dies heisst, dass Angebote wie Jobsharing normalisiert und gefördert werden sollen. Für Student*innen mit Betreuungsaufgaben und Schwangere sollen Ausnahmen bei Anwesenheitspflicht und Prüfungen gewährleistet werden. Der Leistungsdruck, der an der Universität vorherrscht, trägt ausseruniversitären Aktivitäten zu wenig Rechnung bei. Wir fordern, dass auch die Universität der sexistischen Zuweisung von Familien- und Carearbeit an Frauen* entgegentritt und gleichzeitig Strukturen schafft, die den tatsächlichen Verhältnissen gerecht werden.

10. Wir fordern die Auflösung von sexistischen Traditionen. An den Hochschulen haben Studentenverbindungen, die keine Frauen* aufnehmen, nichts zu suchen.

11. Wir fordern die Anerkennung aller Geschlechteridentitäten in der Forschung und Lehre. Die Berner Hochschulen sind von geschlechterbinären und heternormativen Vorstellungen geprägt. Dadurch werden Menschen, die diesem binären System nicht entsprechen könne oder wollen diskriminiert. Wir wehren uns gegen Zwangsoutings und sprechen uns aus für einen respektvollen Umgang mit allen Menschen. Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit diesbezüglich muss angeboten und wahrgenommen werden.

12. Wir fordern mehr Ressourcen für Geschlechtergerechtigkeit. Es braucht effektive und verbindliche Massennahmen zur Umsetzung der Geschlechtergleichstellung und für den Ausbau einer intersektionalen Antidiskriminierungsarbeit an den Berner Hochschulen.

13. Wir fordern eine echte Demokratie an den Berner Hochschulen zu Entscheidungsprozessen. Hochschulen müssen zu selbstverwalteten Räumen werden. Alle Hochschulangehörigen und insbesondere die Studierenden sollen in demokratischen Prozessen über das Funktionieren der Universität entscheiden. Dafür braucht es eine offene Kommunikation und ein Ernstnehmen der Studierenden als gleichberechtigte Partner*innen in der Hochschulpolitik.

14. Wir fordern mehr Unterstützung für intersektional unterdrückte Menschen
Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der Geschlechteridentität sind verschränkt mit weiteren Diskriminierungsachsen, wie Rassifizierung, Religion, sozialer oder geografischer Herkunft, sexueller Orientierung, Alter und Be-Hinderung. Wir fordern, dass Geschlechterdiskriminierung im Wissenschaftsbetrieb mehrdimensional
und intersektional bekämpft wird, unter anderem durch Aufklärungsarbeit bei Angestellten und Studierenden. Eine unabhängige Anlaufstelle für jegliche Art von Diskriminierung ist auch hier unabdingbar.

15. Wir fordern ein Umdenken von elitären Wertvorstellungen und exklusiven Annahmeverfahren zu einer wissensorientierten Grundhaltung
Ausländische Diplome werden oft nicht anerkannt, Migrant*innen und geflüchtete Menschen haben keine Möglichkeit, Teil der Universität zu werden. Wir fordern eine Überwindung eines eurozentristischen Wissenschaftsverständnisses und eine Universität für alle.

Wir wollen an einem diskriminierungsfreien Ort studieren, arbeiten, lernen und forschen. Wir fordern deshalb ein umfassendes Umdenken und Handeln – für demokratische Berner Hochschulen!

*Das Gendersternchen (Asterisk) nach Geschlechtsnennungen soll auf deren Konstruiertheit hinweisen. „Mann“ und „Frau“ sind in unserem Verständnis keine naturgegebenen, starren und unmissverständlichen Kategorien, sondern zwei Konstrukte, die jeweils eine grosse Vielfalt an Identitäten umfassen aber auch ausschliessen. Das Sternchen macht darauf aufmerksam, dass unser Denken über diese Binarität hinausgehen muss, weil strukturelle Diskriminierung gerade auch diejenigen Menschen, die Geschlechternormen aufbrechen, trifft.


2. Medienbericht (Originalquelle: https://www.derbund.ch/bern/wir-wollen-die-uni-durchruetteln/story/26865844?)
«Wir wollen die Uni durchrütteln»
Wegen «scheinheiliger Gleichstellung» haben Frauen an der Universität Bern einen Raum besetzt. Die Universitätsleitung lässt sie für einen Tag gewähren.
Eigentlich ist er ein Seminarraum, jetzt ist Raum 117 des Haupgebäudes der Universität Bern besetzt, wie ein Transparent vor seiner Tür unmissverständlich klar macht. Daneben hängt ein zweites. «Wenn die Uni den Frauen zu wenig Platz gibt, nehmen wir ihn selber», steht darauf. Zur Aktion hat sich das Kollektiv Frauen*Streik Berner Hochschulen bekennt. In einer Medienmitteilung erklären sie die Hintergründe ihres Tuns. Einen Monat vor dem Frauenstreik wollten sie ein Zeichen setzen gegen die «patriarchalen Strukturen» der Universität. «Diese unterdrücken uns täglich, schränken uns ein und geben uns keinen Platz.» Mit der Raumbesetzung sollen die «längst veralteten Strukturen und Praxen» der Universität angeprangert werden.

Als Beispiel nennt das Kollektiv, dass in höheren Stellen der Universität massiv untervertreten seien. «In einigen Studiengängen finden sich nur eine Handvoll von Professorinnen gegenüber einem Haufen Professoren.» Gar noch schlimmer sei es in der Universitätsleitung. «Nur eine von sechs Personen ist weiblich.»

Besetzung für einen Tag toleriert
Von der Universitätsleitung droht den Frauen kein Ungemach. «Der Raum dient normalerweise als Unterrichts- und Seminarraum oder zum selbständigen Lernen, ist aber momentan frei», schreibt die Medienstelle der Universität Bern auf Anfrage. Man habe mit den Besetzerinnen gesprochen und sei zum Schluss gekommen, dass man sie gewähren lassen. Es sei vereinbart worden, dass der Raum noch heute in sauberem Zustand wieder verlassen wird.

Die Uni Bern will die Forderungen prüfen: «Die Forderungen betreffen teilweise gesellschaftliche Strukturen, die in einem Hochschul-Kontext allein nicht gelöst werden können», heisst es weiter. In vielen Bereichen würden die Grundanliegen der Forderungen angegangen, was sich in verschiedenen Massnahmen, Aktionsplänen und Förderungen äussern würde.