Archiv für Neue Soziale Bewegungen
Spontandemo gegen Verhüllungsinitative

Spontandemo gegen Verhüllungsinitative

Inhalt:
1. Aufruf
2. Communiquè
3. Kurzbericht Anarchistische Gruppe Bern
4. Medienbericht


1. Aufruf (Originalquelle: https://www.facebook.com/bleiberechtbern/posts/2842137986003714)
//DE//Eng//Arabisch//FR//
Heute wird über das Verhüllungsverbot abgestimmt. Wird die Abstimmung angenommen, rufen wir dazu auf, gegen den rassistischen, sexistischen und antimuslimischen Normalzustand auf die Strasse zu gehen. Wir treffen uns um 19:00 Uhr am Bahnhofsplatz in Bern. Bring ein Plakat mit deiner Botschaft mit. Wegen Corona tragen wir Masken und halten Abstand.

Today the initiative to ban veils will be put to the vote. If the people vote yes, we call to take the streets against the racist, sexist, and anti-muslim normality. We will gather us at 19:00 at the Bahnhofsplatz in Bern. Bring some banners with your message. To protect us from Corona please bring your masks and take care.

اليوم سيصوت على حظر النقاب. إذا تم قبول التصويت ، فإننا ندعو الناس إلى النزول إلى الشوارع ضد الدولة المعتادة على العنصرية والمتحيزة على أساس الجنس والمناهضة للإسلام.
نلتقي الساعة 7:00 مساءً في برن بلاتص. أحضر
ملصقًا مع رسالتك.
سنرتدي اقنعة بسبب كورونا ونحافظ على المسافة بيننا.

Aujourd’hui, l’initiative „l’interdiction de se dissimuler le visage“ sera soumise au vote. Si le vote est accepté, nous appelons à manifester dans la rue contre l`éetat normal raciste, sexiste et anti-musulman. On se réunit à 19h00 à la place de la gare à Berne. Apportez une affiche avec votre message. Ä cause de corona apporter un masque.


2. Communiqué (Originalquelle: https://barrikade.info/article/4260)
Als Reaktion auf den Ausgang der Verhüllungsinitative riefen wir heute zu einer spontanen Demonstration in Bern auf. Rund 300 Menschen demonstrierten durch die Berner Innenstadt.

Aufgerufen zur Demonstration haben verschiedene Betroffene des rassistischen, antimuslimischen und sexistischen Normalzustandes. Auch in Zürich und Basel gingen spontan Menschen auf die Strasse.
Am Versammlungsort verteilten wir um den Bahnhofplatz sichtbare Parolen von Direktbetroffenen. Damit machten wir für den Moment unsere Stimmen im öffentlichen Raum sichtbar. Anschliessend zogen wir mit vielen Schildern, sowie mal laut und mal leise durch die Stadt. Im Vorfeld schickten uns verschiedene Personen kleine Reden oder Text, welche ausgedruckt an der Demonstration verteilt wurden. Bei beim Bundesplatz und bei der Zytglogge gab es jeweils eine Rede. Darin wurde thematisiert, dass nichts tun keine Option ist. Die Abstimmung lässt uns betroffen zurück und weitere Versuche die Diskriminierungen voranzutreiben sind leider zu erwarten.
Der Versuch spontan und mit Unterstützung eine Demonstration durchzuführen hat uns viel Kraft gegeben. Auch wenn es aktuell viele Verbote durch Covid-19 gibt, war es uns wichtig ein Zeichen zu setzen und zu zeigen, dass Widerstand wichtig ist. Denn: Eure Demokratie ist für uns keine Freiheit, sondern bedeutet den rassistischen, antimuslimischen und sexistischen Normalzustand.

Texte/Reden:

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Liebe Anwesende
Es ist ermutigend, dass heute Menschen demonstrieren, um sich gegen Diskriminierungen stark zu machen. Das Ergebnis der Verhüllungsinitative ist eine weitere Ausgrenzung von muslimischen Menschen, insbesondere uns Frauen. Dabei geht es nicht um die Frage, dürfen wir eine Burka tragen oder nicht. Die Botschaft ist, muslimische Menschen sollen unsichtbar sein oder in ihren Augen am besten gar nicht existieren! Ich existiere aber!
Tagtäglich erlebe ich böse Blicke, versteckte aber auch ganze offene Diskriminierungen und das alles, weil mich die schweizer Gesellschaft als muslimische und migrantische Frau ansieht. Ich erlebe tagtäglich, was solch eine Abstimmung am Ende für die Menschen im Alltag bedeuten. Deswegen ist es mir heute wichtig zu sagen, dass wir zusammen gegen die Diskriminierungen kämpfen müssen. Mit dieser Demonstration und noch wichtiger im Alltag. Denkt an all die Menschen in eurem Umfeld, die heute nicht hier sein können und versucht sie zu unterstützen.
An alle Menschen, die von dem heutigen Resultat betroffen sind, denkt daran, dass es gerade jetzt noch wichtiger ist, sich nicht zu verstecken. Lasst uns kämpfen! Heute und an jedem weiteren Tag.

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Ich fühle mich bedrückt. Und dennoch war es vorherzusehen. Schliesslich bin ich mit der Eidgenössischen Volksinitiative «gegen den Bau von Minaretten» gross geworden. Verglichen mit den Worten von Georg Orwell sind einige Menschen wohl gleicher als andere, was auch immer das bedeuten soll im Anbetracht der direkten Demokratie, welche in der Schweiz herrscht. Vielleicht bedeutet es, dass Betroffene teilweise gar nicht erst abstimmen dürfen. Oder ihre Belange nicht in einer Initiative vorkommen können. Wie den auch, ohne Lobby?

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Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen, stand jedoch immer zwischen zwei Kulturen. Die schweizer Kultur meiner Mutter und die islamische Kultur meines Vaters. Zu meinem Vater hatte ich nie eine sehr enge Beziehung und auch wenn mir seine Kultur weniger vertraut ist, empfinde ich diese als ein Teil von mir. Was würde ein Ja zu dieser Initiative für mich bedeuten? Ich würde dies als ein Angriff auf die Religionsfreiheit meiner Familie empfinden. Den Frauen in meiner Familie würde das Recht auf die Selbstbestimmung genommen werden und ihnen würde vorgeschrieben werden, wie sie sich zu kleiden haben. Ich finde, es sollte allen Menschen möglich sein, ihre Kultur und Religion so auszuleben, wie sie es sich wünschen, Diese Initiative stimmt mich traurig, denn dies ist nicht die Schweiz, in der ich leben will.

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Liebe Schweiz,
Nun kommt es wieder zu einer Initiative die die Religionsfreiheit einschränkt. Dafür das sich die Schweiz als fortschrittlich und Weltoffen präsentiert ist das ein gewaltiger Schritt in die falsche Richtung. Das zu meiner kurz gefassten Meinung.
Ich bin angehende Religionswissenschaftlerin (dies ist zu unterscheiden von der Theologie). Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Meine Muttersprache ist Deutsch. Was mich von von einer „Schweizerin“ als Vorstellung unterscheidet ist mein Aussehen. Ich habe Wurzeln von Südkorea, dementsprechend sieht man mir dies auch im Gesicht direkt an. Als Kind habe ich dies schon schnell bemerkt, dass dies nicht dem Bild einer „Schweizerin“ entspricht. Andere Kinder haben sich die Augen langgezogen und China zu mir gesagt. Die Frage „vo wo chunnsch du?“ hat mich (und tut es noch heute) jedesmal iritiert. Ich bin von der Schweiz oder willst du wissen wo ich Wohne? Wenn ich so geantwortet habe kam danach die frage „nei nid ds ig meine dänk vo wo chunnsch du ursprüngläch?“. Auch dies kann ich mit Schweiz beantworten, wie schon erwähnt bin ich hier geboren und aufgewachsen. Die Sozialisation in die Gesellschaft habe ich hier gelernt und vollzogen. In meinem Alltag erlebe ich immer wieder Sprüche gegen mein Aussehen und muss mir „asiatische“ Witze anhören und es wird erwartet, dass ich diese Witze erstens noch nie gehört habe und zweitens ich dazu lache. Die Menschen die Witze über mein Aussehen machen sind meist Kaukasier. Menschen, da bin ich mir sicher, noch nie eine rassistische und diskriminierende Erfahrung in ihrem Leben machen mussten. Meine Erfahrungen mit Diskriminierung ist auch als Stereotyp Rassismus definierbar. Da ich „asiatische“ Züge habe gehöre ich in eine Kategorie die ein gewisses Verhalten haben und „weniger Wert“ ist als andere Menschen die hier geboren wurden. Ich kann alle asiatische Gerichte kochen, Südkorea ist unterentwickelt und daher bin ich hier in der Schweiz weil sie Weltoffener ist, ich habe keine Manieren, kann kein Deutsch et cetera. Asien ist ein rieseiger Kontinent in dem es viele Länder und Kulturen gibt. Was das nun mit der Initiative zu tun hat? Die Verschleierung von Menschen als religiösen Grund ist eine Wahl von diesen spezifischen Menschen die nicht eingeschränkt werden soll. Es ist wie bei mir ein äusseres Merkmal, die aber gewählt wurde. Es ist eine Wahl von diesen wenigen Menschen in der Schweiz die sich auch mit dieser Entscheidung der Diskriminierung stellen. Es wäre mir natürlich lieber, wenn sie auch keine Diskriminierung aufgrund der gewählten äusserlichen Merkmale erfahren müssten aber dies ist etwas das tief in der Gesellschaft liegt und nicht so schnell änderbar ist. Diese wenigen Menschen in der Schweiz die eine Burka tragen sollen dies weiter für sich entscheiden dürfen. Die Freiheit für das äussere Erscheinungsbild sollte nicht vom Staat geregelt werden und von Individuum entschieden werden. Es kann als Diskriminierung der Schweiz gegen eine bestimmte Gruppe gesehen werden. Ich dachte die Schweiz wäre stolz auf die multikulturelle Landschaft.


3. Kurzbericht Anarchistische Gruppe Bern (Originalquelle: https://www.facebook.com/InfoAGB/posts/1892174744264206)
Heute zogen rund 350 Personen durch die Berner Innenstadt zu einer wütenden Demonstration gegen die Annahme des Verhüllungsverbotes. Das rechte Initiativkomitee wird von rechtspopulistischen Hardlinern zusammengesetzt. Ihnen geht es bei der Initiative darum ihre rassistische, antifeministische und diskriminierende Politik weiter voranzutreiben. Dazu bedienen sie sich den staatlichen Instrumenten und Institutionen.
Als Anarchist*innen wollen wir nicht dem Staat die Entscheidung über die Kleiderordnungen überlassen. Insbesondere dann nicht, wenn es einen rassistischen, antimuslimischen und sexistischen Hintergrund hat. Die Abstimmung dieser Initiative fällt in eine historische Phase der wirtschaftlichen Krise, in der reaktionäre Kräfte zum Angriff auf die Unterdrückten mobilisieren. Diese schweizer Leitkultur isoliert und bekämpft alles, was nicht in die Norm passt.
Die rechte Hetze trifft verschiedene soziale Gruppen auf unterschiedliche Weise. Auch an der heutigen Demonstration konnten oder wollten viele, die besonders stark von den Auswirkungen betroffen sind, nicht teilnehmen. Ein konsequenter Antifaschismus und Antisexismus bedeutet auch, sich den eigenen Privilegien bewusst zu sein. Viele können nach der heutigen Demonstration ungestört in den diskriminierungsfreien Alltag zurückkehren. Für viele Andere heisst es zurück in den rassistischen, antimuslimischen und sexistischen Normalzustand.


4. Medienbericht (Originalquelle: https://www.derbund.ch/rund-250-protestierende-gegen-das-burkaverbot-439196306934)
Rund 250 Protestierende gegen das Burkaverbot
Am Sonntagabend fand in der Innenstadt eine spontane Kundgebung statt. Der Protest richtete sich gegen die Annahme des Verhüllungsverbots.

Nach der Annahme des Verhüllungsverbots vom Sonntag kam es zu einer spontanen Kundgebung in der Berner Innenstadt. Die Demonstrierenden folgten einem Aufruf der Anarchistischen Gruppe Bern. Gegen 19 Uhr versammelten sich rund 250 Personen und zogen durch die Stadt. Die Demoteilnehmerinnen und -teilnehmer wollten sich gegen «den rassistischen, sexistischen und antimuslimischen Normalzustand» wehren.

Die Route führte vom Bundes- zum Casinoplatz, durch die Markt- und Zeughausgasse wieder zurück zum Bahnhof, wie die Berner Zeitung schreibt. Vereinzelt kam es zu Verspätungen im öffentlichen Verkehr.

Bundeshaus abgeriegelt
Die Kantonspolizei Bern hielt sich im Hintergrund und riegelte das Bundeshaus ab, liess die Demonstrierenden aber passieren. Zumal die Kundgebung eigentlich gegen die momentan geltenden Covid-Massnahmen verstösst: Maximal 15 Personen sind aktuell an einer Demonstration erlaubt. Jedoch hielten sich die Teilnehmenden an die Maskenpflicht. Zwischenfälle mit der Polizei sind keine bekannt.

In Zürich kam es ebenfalls zu einer Kundgebung gegen den Abstimmungsausgang. Dort versammelten sich rund 100 Personen auf dem Helvetiaplatz mit anschliessendem Umzug durch die Stadt.